Thomas in Estland

Nach Auslandssemester und Masterarbeit in Tartu - jetzt das richtige Leben in Tallinn

Donnerstag, November 06, 2008

Winter, Skorpione und Geburtstage

Hallo zusammen,

Na da war ich aber lange schreibfaul! Das liegt bestimmt nicht daran, dass nichts passiert ist, aber ich war sehr erfolgreich im Mich-Drücken und Verschieben und Dringend-was-Wichtiges-zu-tun-Finden (denen unter euch, die schon einmal an einer Diplom(oder ähnliches)-Arbeit saßen, kennen das Gefühl vielleicht - ich hab das zwar zum Glück hinter mir, aber die Fähigkeit ist geblieben).

Ich gelobe Besserung, auch wenns echt schwer ist, sich als Mitglied der arbeitenden Bevölkerung abends zu was aufzuraffen. Ich nehme mir seit Wochen vor, doch mal das hiesige Schwimmbad mit Muckibude auszuprobieren. Aber es kommt immer was dazwischen. Immer. Manchmal hab ich zuviel Hunger, bin zu müde, muss unbedingt Simpsons schauen, dringend Staubsaugen, ... naja, ihr kennt das :-)

Also, ohne weitere Umschweife zu Erzählenswertem. Im Baltikum beginnt praktisch schon der Winter. Das hat Vor- und Nachteile:
Vorteile:
  • Man darf auf Schnee hoffen
  • Man kann endlich wieder Schals tragen
  • Mein grauer Mantel passt zur Umgebung
... falls euch diese Vorteile nicht überzeugen, macht euch nix draus. Mich nämlich auch nicht. Aber ich suche krampfhaft nach Lichtblicken. Nun also zur (stark gekürzten) Liste der Nachteile:
  • Es wird kalt (-2 schon erlebt - morgens, nicht mitten in der Nacht)
  • Es ist dunkel wenn man zur Arbeit fährt und dunkel wenn man heimkommt (hier muss fairerweise ein vergessener Vorteil eingeschoben werden: Die Umstellung auf die Winterzeit führte dazu, dass es nun noch dämmert, wenn ich zur Arbeit fahre. Dafür ist aber nicht nur dunkel sondern stockdunkel, wenn ich heimkomme)
  • Auf den Straßen darf nur noch 90 gefahren werden (nicht wie im Sommer rasante 100, oder gar 110 auf den 4-spurigen Landstraßen)
  • Es regnet, was schon schlimm genug ist. Es führt aber auch zu ständigen Pfützen aufgrund fehlender Kanalisation in manchen Stadteilen und damit zur allzeit präsenten Gefahr, von einem vorbeifahrenden Auto geduscht zu werden.
  • Die Hemmschwelle, rauszugehen und sich mit anderen leidenden Deutschen oder Esten zu treffen, wird höher.
  • Die möglichen Ausreden, keinen Sport zu treiben, werden mehr (oder ist das Vorteil?).
  • Im Sommer und Herbst sehr belebende Spaziergänge am Meer werden zum Überlebenstraining.
  • ... ich höre an dieser Stelle mal auf
Bedauerlicherweise verschlimmern sich sämtliche Nachteile noch. Für weitere 6 Wochen wird das Tageslicht weniger, bis es wieder aufwärts geht.

Und jetzt höre ich auch mit Rumjammern auf, denn das alles ist ja nur halb so wild. Denn es gibt auch viele positive Erlebnisse, die mich die Dunkelheit vergessen lassen. So z.B. das Scorpions-Konzert letztes Wochenende.
SCORPIONS? Die leben noch? Waren die etwa im Rollstuhl auf der Bühne?
Jaja, auch ich habe mir diese Gedanken gemacht, als ich mir die Konzertkarte kaufte. Hatte schon übelste Abzocke vermutet oder befürchtet, ich hätte die Werbung falsch gelesen und es sei nur eine Coverband oder so. Aber nein, im Gegenteil!! Mann, war das geil! Hier ein paar Bilder:




Die Jungs habens echt noch krass drauf. Und Wind of Change live zu hören war schon ein Erlebnis, vor allem vor dem politischen Hintergrund der baltischen Staaten und was das Lied auch für die Menschen hier bedeutet hat. Das konnte jeder in der Halle mitsingen, und laut!
Bisschen poserhaft war dann, als der Schlagzeuger den großen Rock'nRoller raushängen lassen wollte und doch glatt eine 0,5er-Dose Bier in wenigen Sekunden schluckte. Dummerweise hat er die Dose nicht richtig zu fassen bekommen und man konnte auf dem Riesenbildschirm deutlich die Aufschrift "Clausthaler" lesen :-)
Und überrascht war ich auch, unseren CEO, also den Chef aller Chefs unseres Unternehmens und immerhin Entscheider über knapp 11.000 Arbeitnehmer mit seiner Tochter und in Metalshirt und Nietengürtel dort anzutreffen. Lustig, wenn man Leute nur aus dem Büro und gestriegelt im Anzug kennt, und dann plötzlich auf so einem Konzert trifft. Jedenfalls ist mir der gute Mann jetzt äußerst sympathisch.

Ja, auf der Arbeit läufts super. Es macht mir echt Spaß, ich bin gefordert, darf/muss viel reisen. Bisher nur im Baltikum (immerhin schonmal nach Lettland und Litauen ab und an), aber demnächst dann auch mal nach Stockholm, Oslo oder Amsterdam. Das bringt willkommene Abwechslung, und interessant ist es auch. Weiterhin mache ich mir immer mehr Hoffnungen auf einen Firmenwagen - an sich ist niemand dagegen, aber gerade wurde in unserer Firma ein Sparkurs verordnet, wie so ziemlich überall hier, weil die Wirtschaft abstürzt und folglich auch unsere Umsätze sich nicht so ganz entwickeln, wie man es Anfang des Jahres dachte. Bedauerlicherweise berichten die Medien auch hier über kaum was anderes und senken damit die ohnehin miese wirtschaftliche Stimmung noch mehr. Es ist DIE Sensation des Jahres, seit Monaten findet sich keine Zeitung ohne täglichen Artikel über ach und weh und wie schlimm doch die Rezession ist.
Okay, in einem Land, das seit vielen Jahren enormes Wachstum und Wohlstandsmehrung gewöhnt war ist es an sich nicht überraschend, dass Leute jetzt nervös werden weil sie mit ihren Krediten für Haus, Auto und LCD-Fernseher nicht mehr rundkommen. Aber mit dem Jammern muss doch auch mal Schluss sein, echt jetzt! Egal, wir im Einzelhandel freuen uns jetzt aufs Weihnachtsgeschäft, und ich mich schon auf Weihnachten daheim. Ich mache weiterhin die gewagte Aussage, dass diese Krise dem Durchschnittsmenschen überhaupt nicht wehtut. Klar, denen die ihren Job verlieren, weil ihr Arbeitgeber nix mehr verkauft bekommt, schon, und zwar ziemlich. Aber der großen Mehrheit macht die Berichterstattung nur Angst und dämpf die Konsumlust nur noch weiter. Das wars für diesmal aus der Kritikecke.

Schön war Anfang Oktober, ich kam zur genau richtigen Zeit heim: Mein Vater wurde 60 und meine Oma 75. Gleich zwei Anlässe zum Feiern, und ich habe die ganze Familie nochmal wiedergesehen. Und Ele endlich auch wieder. Da sie jetzt in Konstanz ein Auslandssemester verbringt, kommt das mit dem Treffen leider nicht so oft vor. Wir haben uns schön durch Mainz und Trier führen lassen (Danke, Barbara, Julia und Ella!) und in Koblenz zünftig Döner gegessen - hach, was hat mir der gute alte Döner doch gefehlt!

Ich will euch ein paar Fotos vom 60. meines Vaters nicht vorenthalten. Die Nachbarn waren so kreativ mit lustigen Spielchen, das muss man einfach veröffentlichen:

Hier bekam der arme Papa für jeden Monat des Jahres ein entsprechendes Stück Ausrüstung.



Ziel dieses Spiels war es, Geld aus Luftballons herauszubekommen. Dafür hatte mein Papa einen Toilettensitz und seinen Hintern zur Verfügung. Da das gedämpfte Platzen des Ballons unter der Klobrille einem Pfurz nicht ganz unähnlich war, gab es Gelächter am laufenden Band.


Als alle schon weg waren haben wir uns noch einen Cocktail genehmigt


Ele am nächsten Morgen auf unserem guten alten Trecker - der immer noch fährt!



So war die Aussicht von daheim im Oktober ... ein Traum!


Am 20.12. komme ich wieder heim, Weihnachten, klar, ohne Familie undenkbar. Überall höre ich schon von Planungen für Silvester. Ich halte mich da einfach raus und warte auf Vorschläge, denn ich habe wenig Lust mir jetzt schon Gedanken zu machen, wo ich in 2 Monaten sein werde. Ele meinte mal was von Prag ... warum nicht?

Noch eine Kurzgeschichte zum Schluss:
Mein Estnisch ist inzwischen gut genug, um einfache Vorträge zu geben, was mir bei der Arbeit auch prompt für eine Schulung mit drei Terminen aufgetragen wurde. Ich durfte also einem Publikum aus estnischen Frauen mittleren Alters erklären, wie man ein bestimmtes System benutzt. Da ich nicht viel sprechen wollte (warum ist wohl klar), haben wir eine Simulation vorbereitet, wo die Teilnehmer spielen sollten, anstatt den ganzen Tag meinem gebrochenen Estnisch zu lauschen. Klappte auch alles super, aber ich musste oftmals gegen die Unruhe ankämpfen, die bei lebhaften Diskussionen unter meinen Zuhörern aufkam. Nachdem ich viele Wörter für "Ruhe bitte" versucht hatte, bei denen mir immer wieder signalisiert wurde, dass sie eher falsch seien (habs mit "Frieden" oder "Seid zufrieden" versucht), und nachdem ich die richtige Übersetzung ständig vergaß, dachte ich, ich hätte den Geistesblitz und sagte auf Estnisch "Olge vait". Ich dachte es heißt "Seid leise", aber alle schauten mich auf einmal entsetzt an und lachten dann laut los, weil ich offensichtlich nicht wusste, was ich gerade gesagt hatte. Nun, ein freundlicher Kollege erklärte mir später sichtlich amüsiert, ich hätte zu meinen Zuhörern "Haltet euer Maul!" gesagt. Zum Glück hab ich den Ausländerbonus :-)

Das wars für heute, ich berichte wieder, wenn sich etwas Bahnbrechendes ereignet hier. Bis dahin, und hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen.

Viele Grüße,
Thomas

4 Comments:

At 1:13 vorm., Anonymous :o) said...

So, ich würd sagen, ich bin erster... Aber ich hatte auch einen etwas unfairen Vorteil weil ich wusste, dass was neues kommt. ;)Um es mal mit Ingmars Metapher (basierend auf dem allseits bekannten Gülser Fest im Mai- ach herrje, ich hab immer noch ein wenig Heimweh nach Koblenz, und nach meiner Wohnung und meinen NETTEN Vermietern, ach was, ein bisschen?? ICH WILL ZURÜÜÜÜÜÜÜÜCK), also um es mal mit Ingmars geflügelten Gülser Worten auszudrücken: "Es war mir ein inneres Blütenfest, von Dir zu lesen."
Also, nächstes Mal nicht wieder vier Monate lang spülen, staubsaugen und Simpsons schauen, Mitarbeiter unter dem Vorwand der Sprachbarriere beschimpfen und so weiter - lass mal wieder von Dir hören!
Und noch kurz zu Deiner winterbedingten Jammerorgie: Ich bin ja nun bekanntermaßen aus Eisenschmitt, und das liegt (vielleicht nicht ganz so bekanntermaßen) im Tal, weshalb bei uns auch an sonnigen Sommertagen die Sonne spätestens um sieben untergeht, im Winter eher so um halb drei. Alle umliegenden Dörfer lachen natürlich ob unserer geographisch suboptimalen Situation über uns, aber WIR brauchen garnicht so lange Sonne, weil wir nämlich Sonne im Herzen haben, quasi ein ganzes Dorf voller little Miss und Mister Sunshines. *lol* SO! Also: Wer Sonne im Herzen hat, der kann auch in Eisenschmitt oder im Baltikum leben (oder vielleicht ist es gerade umgekehrt? Wer da wohnt, hat einfach Sonne im Herzen?!) Deshalb Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist, oder besser: Sonne im Herzen auch wenn's draußen zappenduster ist! ;o)
Liebe liebe Grüße aus Meenz!

 
At 3:30 nachm., Anonymous B said...

Eigentlich wollte ich ja sagen, dass ich es sooo gut nachvollziehen kann, wenn man abends nach der Arbeit einfach nur müde ist und nichts mehr auf die Reihe kriegt. Aber nach diesem positiven Post vor mir, da kann ich das nicht mehr. Hier in Südfrongreich scheint heute endlich wieder Sonne und ich hab mich dann doch mal auf die Arbeitssuche begeben, um dann diesen Zustand des "nix mehr geschafft kriegen" bald zu erreichen.

Für die Vorteile-Liste würde ich denn noch aufnehmen: Man kann endlich wieder schöne Winterklamotten und -stiefel anziehen :) lg aus Avignon

 
At 10:27 nachm., Anonymous Ella said...

hihi, das ist aber ein schöner Kommentag Frau Feltes :-)
Ich schließe mich dem aber an und werde mir das auch für meine persönliche Zukunft zu Herzen nehmen.
Thomas, es war auch mir ein "inneres Blütenfest" von dir zu hören und noch mehr dich zu sehen.
Ach übrigens, ich bin noch in der Phase der Gehübungen mit den neuen SChuhen. Hätte sie wohl doch besser der Ele überlassen :-)

Wünsche dir einen wunderschönen abend und lg an die Ele.
Kann im moment grad ganz gut nachvollziehen, wie das so is, wenn man abends nix mehr machen mag. Ich mach momentn Areastudies, Translation und den C course zusammen. Das heißt (nur für alle nicht englischstudenten unter uns-) Viiiiiiiiiiieeeel zu wenig SChlaf :-) und iiiiiiiiiirrsinnig viel Arbeit.
Ich brauch Ferien! und das nach grade mal 2 wochen :-)
Wie dem auch sei. Fühl dich ganz doll gedrückt und vermisst.
DIE ELLA

 
At 8:43 nachm., Anonymous Anonym said...

Soso,

da scheint es dem Thomas doch noch gut zu gehen ;-) sehr schön. Und es ist doch immer wieder schön die kleinen Geschichtchen aus dem Baltikum zu lesen.

Freut mich, dass es dir gut geht und grüße aus dem Allgäu.

Atta

 

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